unbekanntes Unwort

Das Unwort des Jahres 2005 ist gewählt.
Meine erste Reaktion sah ganz ähnlich aus:

HÄ ?

Entlassungsproduktivität.

Ich habe das Unwort des Jahres 2005 noch nie in meinem Leben gehört. Oder gelesen.

Aber hier im Büro geht es allen so.

Google leifert immerhin doch 332 Ergebnisse. Wenn sich die Zahl in den nächsten Tagen erhöht, sind bestimmt 90% ähnliche Kommentare wie dieser.

Deshalb ist es schön, dass es auch eine Erklärung gibt.
Das Börsenunwort 2005 hätte wohl mehr Akzeptanz, die Kursmakler und Wertpapierhändler der Börse Düsseldorf haben sich “Heuschrecken” als eigenes Umwort 2005 gewählt.
Vielleicht sollt ich mir auch noch eins suchen.

Update [15:30]:

… sind alle Bürgerinnen und Bürger aufgefordert, sprachliche Missgriffe zu nennen, die im jeweiligen Jahr besonders negativ aufgefallen sind. Gesucht werden Wörter und Formulierungen aus der öffentlichen Sprache, die sachlich grob unangemessen sind und möglicherweise sogar die Menschenwürde verletzen.
www.unwortdesjahres.org

Somit würde ich sagen, Ziel glatt verfehlt.
Bereits das zweite Jahr in Folge wurde nun ein Fachbegriff aus dem wirtschaftswissenschaftlichen Kontext gewählt. Dass solche Fachbegriffe in der breiten Öffentlichkeit missverstanden werden ist jedem klar, der damit umgeht.
Ich will gar nicht den Fachbegriff eines Tragwerkplaners für ein eingestürztes Dach hören. Vermutlich ist der ähnlich “menschenverachtend” weil das Gebälk und nicht die darunter begrabenen Menschen im Blickfeld des Terminus technicus stehen.
Das letztjährige “Humankapital” war da noch ganz gut als Unwort gewählt, weil es im allgemeinen Sprachgebrauch benutzt, nur häufig falsch verstanden wurde. Allein durch die neue Bedeutung, die dem Wort im allegemeinen Sprachgebrauch zukam, war der Tatbestand “sachlich grob unangemessen” gegeben. Wer sich damals die ursprüngliche Bedeutung und Verwendung erklären lassen hat, war meist gar nicht mehr so entsetzt darüber.
Aber warum muss man ein bisher unbekanntes Wort wie “Entlassungsproduktivität” plötzlich ohne weitere Erklärung in den Fokus der Öffentlichkeit stellen?
Dieses Vorgehen schürt allein die Vorurteile gegen Wirtschaftswissenschaftler und Betriebswirte und stellt sie nur als Unmenschen dar. Für eine wisenschaftliche Auseinandersetzung ist aber eine möglichst wertfreie und präzise Sprache notwendig. Und da sind mit “Humankapital” und “Entlassungsproduktivität” wesentlich lieber als die kurzlebigen Buzzwords aus dem englischen Sprachraum.
Bleibt die Hoffnung, dass die Jury im nächsten Jahr die eigenen Vorgaben wieder stärker beachtet.

btw: inzwischen listet Google 19.000 Ergebnisse, die Redakteure sind aufgewacht.

  • “Das Börsenunwort 2005 hätte wohl mehr Akzeptanz, die Kursmakler und Wertpapierhändler der Börse Düsseldorf haben sich deshalb “Heuschreckenâ€? als eigenes Umwort 2005 gewählt.”

    Einen Begriff als UNWORT zu bewerten, bedeutet nicht, das Objekt oder eine Person zu diskreditieren, welche/welches damit bezeichnet wird, sondern es soll eine Kritik darstellen an demjenigen, der dieses Wort gebraucht. So gesehen bedeutet die Auswahl von “Heuschrecken” als Unwort eine Kritik an denjenigen, die eben das Verhalten von manchen Investmentgesellschaften kritisieren.

    Damit wiederum kann ich nicht mitgehen! Wobei allerdings anzumerken ist, dass nicht jede Investmentgesellschaft und jeder Fonds in die Kategorie “Heuschrecken” fällt, sondern nur solche, die – in Analogie zum Tierreich – über ein Unternehmen herfallen, in kürzester Zeit das beste für sich herausholen und eine Trümmerwüste hinterlassen 😉 … Der Inhaber eines Fonds-Anteils oder einer Holding, die schon jahrelang Anteile an einem bestimmten Unternehmen hält, muss sich da also nicht getroffen fühlen.

  • Noch einen Nachtrag zur Heuschrecken-Thematik:

    http://home.arcor.de/psychoanalyst/200601.htm#27_118